Die Brücke


März

Wenn ich über die Brücke gehe, verlangsamt sich mein Tempo. Ich schau die Häuser der Altstadt an, den Fluss mit seinen Enten und Schwänen. Ich sehe die Welt, wie sie ist. Mitunter ganz schön.

Auch an jenem Morgen im März. Eine Amsel flötete ihre Melodie. Der blass gefärbte Enterich schnatterte. Ein Bus donnerte an mir vorbei. Die Haltestelle befand sich nach der Brücke, vor einer Zeile Altstadthäuser. Die Wartebank wollte ich nicht benutzen. Lieber suchte ich die ersten Frühlingsboten. Ein schmiedeeiserner Zaun trennte öffentlichen Grund von privatem. Im Garten, am Mauersockel, entdeckte ich Schneeglöckchen. Eine Hummel schwirrte von Blüte zu Blüte. Tulpen reckten ihre ledrigen Blätter. Bis im Sommer würden Blumen alltäglich geworden sein, jetzt entzückten sie mich. Unter dem Kirschbaum sah ich ein kleines Mädchen auf einer Schaukel. Es trug eine gelbe Regenhose und rote Gummistiefel. Nur zu schlingern schien ihm nicht zu genügen. Richtig schaukeln wollte es. Konzentriert begann es, Schwung zu holen. Es gewann an Höhe. Seine dunklen Locken strichen über den Jackenkragen und flatterten kurz im Wind, bevor sie am toten Punkt auf seine Wangen fielen. Ich hörte, wie es lachte. Eine Mischung aus Freude und Angst. Erste Grenzerfahrungen, erste Adrenalinschübe.

Dann hatte es genug. Liess sich baumeln und wollte abspringen. Einen Moment zu früh. Es rutschte auf die Kieselsteine, rappelte sich auf und patschte die Hände aneinander. Flüchtig schaute es zum Haus. Bestimmt wären Tränen geflossen, wenn es Mutter oder Vater gesehen hätte. Aber da war niemand.

 

Als mein Handy klingelte, drehte sich das Mädchen zu mir um. Es musterte mich. Es hatte nicht nur auffällig blaue Augen, auch sein Blick war einnehmend. Umfassend irgendwie. Es presste den Mund zusammen, das rechte Auge wurde dadurch etwas schmaler. Es zog an den Trägern seiner Regenhose und rannte zum Haus.

 

Mai

Ein sonniger Tag. Der Mai, der Mai, stand in den Gesichtern geschrieben, schwang in Gesprächsfetzen mit, im knappen Überholmanöver eines Radfahrers.

Das Mädchen sass am Gartentisch unter dem Kirschbaum vor dem Haus mit dem schmiedeeisernen Zaun. Der Kirschbaum schon fast im Sommerkleid. Die Tulpen in vollster Blüte. Ein Schultornister lag auf der Holzbank. Hefte, Malstifte. Bedächtig kaute das Mädchen an einem roten. Kritzelte und kaute. Eine schwarze Katze schlüpfte durch die Buchshecke. Sie setzte sich hin und blinzelte erwartungsvoll. In einer Pose der Ruhe und der Beharrlichkeit. Das Mädchen liess sie an der Hand schnuppern. Sie sprang auf seinen Schoss. Es hob den Kopf und blies sich eine Locke aus dem Gesicht mit den grossen, blauen Augen, drückte die Katze an sich und schmatzte ihr ein Küsschen auf den Kopf.

Als ich weiterging, überlegte ich, was ich gesehen hatte. Dieses Mädchen mit der Katze. Beim letzten Mal, in diesem Garten, sass es, das Mädchen, oder viel eher – das kleine Kind - auf der Schaukel und fiel hin. Beide hatten sie dieselben Augen, die gleiche Mimik, dieselben dunklen Locken. Erstaunlich, wie Verwandtschaft sich in Äusserlichkeiten manifestierte.

 

Juni

Sie schaute wissend in meine Richtung. Als ob sie die Welt verstanden hätte. Teenager sind derart schlechte Schauspieler. Ich hätte ihr gerne gesagt, ich versteh deine Verwirrung und Furcht vor den Unberechenbarkeiten des Lebens. Erfahrungen machst du zwangsläufig. Die Leichtigkeit der Unerfahrenheit verflüchtigt sich schneller, als dir lieb ist. In etwa so. Sie sass auf der Bank vor dem Haus gleich nach der Brücke unter einem wolkenverhangenen Junihimmel. Sie hatte Musik im Kopf, den ipod an den Ausschnitt ihres Shirts geknipst. Ihre Schultern leicht hängend. Enge Jeans, ihr Haar lose zusammengebunden. Sie streifte eine dunkle, widerspenstige Locke aus dem Gesicht. Sie kniff die Lider des rechten Auges leicht zusammen. Sie wusste um ihren Beitrag für eine schönere Welt. Ich sah eine heranwachsende Frau. Sie war aber auch wie die zwei anderen. Wie das kleine Kind und das Schulmädchen.

Es gibt Leute, die verändern sich kaum. Die sehen mit fünfzig aus wie das Kind, das sie gewesen sind. Sie gehörte eindeutig zu dieser Kategorie. Sie nahm mich nicht wahr. Ich aber sie. Die fast erwachsene junge Frau dort war wie es. Wie das kleine Mädchen im März auf der Schaukel, noch unsicher auf den Beinen, die Schülerin im Mai mit der Katze. Nur war es oder sie etwas grösser und reifer geworden. Etwas ziemlich grösser und reifer.

 

August

Die Luft flirrte, der Fluss floss träger als sonst. Ich wollte genau hinsehen, wer sich jetzt beim Haus nach der Brücke herumtrieb. Ich verlangsamte meinen Schritt, gab vor, die Fahrplantafel zu studieren. Ich blickte zum Kirschbaum. Dass ich nervös wurde, erstaunte mich. Ich tat nichts Verbotenes. Ich bestaunte die schönen Häuserfassaden. Den Garten, den Tisch, einen halb gefüllten Aschenbecher. Niemand da.

Ich entspannte mich.

Die Dame mit Strohhut fiel mir auf dem Heimweg auf. Sie blätterte in der Zeitung und trank Kaffee. Im Aschenbecher eine glimmende Zigarette. Sie hatte ihre braungebrannten Beine übereinandergeschlagen. Kurze Hose, Bluse mit halblangen Ärmeln. Ziemlich sicher hatte sie nichts mit dem Teenager zu tun. Die Frau hier war schlanker.

Aber als sie den Kopf hob, um besser unter der Hutkrempe hervorschauen zu können, war ich schlicht perplex. Etwas Unerklärliches ging hier vor sich. Ihr Mund verzog sich auf schon fast kumpelhafte Weise zu einem verschmitzten Lächeln, sie schien mir zuzunicken.

Ich stand. Starrte. Nestelte an meinem Rucksack. Das gab mir Halt, Erdung. Mein Rucksack ist schwer. Bücher liegen drin. Ich will zum Bahnhof. Weg von der Frau in meinem Alter, die vor sechs Monaten noch ein kleines Kind gewesen war. Gewitterwolken türmten sich über den Hügeln hinter der Stadt. In der Ferne ein Donnergrollen. Diese Frau konnte es nicht geben.

Während ich ihr ihre Existenz absprach, drückte sie langsam die Zigarette aus und schaute mich noch immer an. Eine Terrasse, ein Rasenstück, ein Blumenbeet und ein Gartenzaun lagen zwischen uns. Fünfzehn Meter Luftlinie. Sie wollte, dass sich unsere Blicke trafen. Sie stand plötzlich auf, nahm Tasse und Zeitung, stieg die Treppe hoch und verschwand im Haus. In Spukgeschichten, die ich gelesen hatte, fröstelte es diejenigen, die zu verstehen begonnen hatten, was abgeht. Wenn’s hart auf hart ging, klapperten denen schon mal die Zähne. An solche Dinge dachte ich in diesem Moment nicht. Mir war vielleicht etwas weniger warm. Mir graute aber nicht und fürchten tat ich mich auch nicht. Ich fühlte mich viel eher ertappt. Von ihr.

Sie wusste, dass ich ahnte.

 

Oktober

Seit mich die Dame im Garten gemustert hatte und ich sie, ging ich noch zweimal dort vorüber. Sie war nicht da gewesen. Das schmale Haus mit seinen drei Etagen, dem steilen Giebeldach, dem kleinen Balkon im zweiten Stock, der Glyzinie, die am Abflussrohr emporkletterte, hatte einen verlassenen Eindruck gemacht. Die Farbe am Balkongeländer und an den Fensterrahmen blätterte ab. Im Garten stand das Gras hoch. Das Laub des Kirschbaums verfärbte sich. 

Ich hatte mir genauestens ausgemalt, wie sie jetzt aussehen würde. Ich nannte sie „Kleinkind“, weil sie, hielte sie sich an die natürlichen Gesetze, noch immer ein solches wäre. Ihrem Tempo folgend, müsste sie mittlerweile die Gestalt und das Alter einer Gebrüder-Grimm-Hexe haben. Gebückt und dunkel gekleidet. Runzeln würden selbstverständlich nicht fehlen. Knorrige Finger. Spindeldürr.

Ich wurde eines Besseren belehrt, hexenartige Weiber gehören in Märchenbücher verbannt! Beim nächsten Mal war sie da: noch immer schlank, wenn auch etwas fülliger als Mitte dreissig. Kurz geschnittenes, weisses Haar. Trotz der Fältchen um Mund und Augen hatte sie ein jugendliches Gesicht. Sie musste um die sechzig sein. Mitte dreissig, sechzig! Diese Frau hatte ihr eigenes Lebenstempo. Als ob sie ihren Auftritt auf dieser Welt nicht schnell genug hinter sich bringen könnte. Bedächtig langsam pflückte sie hingegen die welken Blüten von einem Asternstock, drehte sie in der Hand wie Edelsteine und legte sie in einen Korb.

 

Dezember

Erst fünf Uhr, ein langer Abend lag noch vor mir. Ich wartete an der Bushaltestelle. Nebel hüllte alles ein, wurde zu einer schützenden Decke, die sich um meine Schultern legte. Selbst das „Kleinkind“ war nicht im Garten.

Vielleicht schluckt Nebel tatsächlich Geräusche. Ich bemerkte nicht, wie die alte Frau sich neben mich gestellt hatte. Erst ihr Hüsteln verriet sie. Sie trug einen braunen Mantel, ein Stirnband um den kleinen Kopf. Ihr Gehstock war altmodisch.

Mein Puls raste. Neben mir stand eine Urgrossmutter.

Ich versuchte mir einzureden, dass alles ganz normal sei. Trotzdem. Mich fror.

Ihr Stock fiel zu Boden. Ich hob ihn auf. Sie suchte meinen Blick mit ihren grossen, blauen Augen.

Ihre Stimme klang klar und leise. „Danke. Ohne den Stock wäre Gehen mühsam. Es gibt praktischere Modelle, auf Glatteis hält der mich nicht. Aber Geschenk ist Geschenk und die Erinnerung daran ist wichtig. Ein Hirte hat ihn mir gegeben. Als ich noch klein war und er um diese Jahreszeit vor der Stadt mit einer Schafherde rastete. Mit Esel und Hunden.“

Eine kurze Verschnaufpause, sie sprach weiter. „Kaum jemand weiss, dass das eigentlich Hirtenstäbe sind. Und warum. Auf dieses Ende hier stützt man sich ab.“ Auf ihrem runzligen Handrücken traten Venen hervor, als sie den Stock umklammerte und damit auf den Boden klopfte. „Den Stab braucht man aber anders herum.“

Sie hob das gebogene Ende vor mein Gesicht.

„Wenn ein Lamm weg will, hakt man sich damit um sein Bein und hindert es am Weiterrennen, man packt es mit dem Stock.“ Sie lächelte ihr Lächeln.

„Interessant“, antwortete ich. Mir fiel nichts Intelligenteres ein. Im Gegensatz zu ihr fand ich den Mut nicht, sie anzusprechen.

Die alte Frau wandte sich ab. Sie schaute auf den Fluss. Zäh stand sie da, und Zerbrechlichkeit war das, was sie umgab.

Dann richtete sie sich auf. „Wenn ich nicht alles bei mir habe, kann ich nicht weg. Ich muss nochmals zurück.“

„Der Bus kommt erst in ein paar Minuten. Reicht ihnen die Zeit?“, fragte ich sie.

Sie sah durch mich hindurch. „Nein, sie reicht nie.“ Sie schlurfte zurück zum Haus, drehte sich vor dem Gartentor zu mir um. Sie sagte: „Ich habe keine Zeit. Ich bin sie.“