Leseprobe


aus dem Roman «Uns Menschen in den Weg gestreut»

1. Kapitel: Mai 1921

Benedikt Pradin marschierte zum Bahnhof. Zwischen Obstbäumen schnaubten Kühe ihre Körperwärme in die Luft und rupften am Gras. Gestern hatte der Viehmarkt stattgefunden. Während die Kühe längst wieder ihrer normalen Tätigkeit nachgingen, zierten ihre Fladen den staubigen Fussweg. Benedikt wich mit grossen Schritten aus. Er fühlte sich leicht und gut. Bei der Ruine blieb er stehen und zog ein weisses Taschentuch aus seiner Brusttasche. Er tupfte sich über die Stirn. Es würde warm werden. Er faltete das Tüchlein und steckte es wieder ein, äugte auf seine Brust, wobei ihn sein Doppelkinn ein wenig daran hinderte, und büschelte das Tüchlein zurecht, bis es wieder in Form gebracht wie ein neugieriges kleines Wesen aus der Tasche herausguckte. Benedikt schätzte sein Doppelkinn. Es unterstrich seine neunundvierzig Jahre und passte gut zu seinen ergrauten Schläfen. Er war sich dessen bewusst, seit ihm Lina, seine Frau, kichernd ins Ohr geflüstert hatte, dass er langsam, aber sicher das allgemein verbreitete Bild eines Arztes abgeben würde. «Un homme distingué, Beni!», hatte sie gesagt. Und Benedikt war mehr als das. Er war ein Mann mit einem Plan.

In der Ebene tauchte die Rauchsäule der Lokomotive auf. Sie schob sich auf den Bahnhof zu wie ein kleiner, willensstarker Wirbelsturm. Er würde den Vorstand vom kantonalen Ärzteverband mit links herumkriegen. Er hatte sich sorgfältig vorbereitet. Seine Kollegen waren beunruhigt und gereizt. Zu viele Leute engagierten sich für diese Heilkräuter-Initiative, über die man würde abstimmen müssen. Langjährige Patienten schrieben Leserbriefe und riefen zum Boykott gegen alle Ärzte auf. Zwei von Benedikts Patienten gehörten zu den Mitbegründern der Initiative. Die hatten in den letzten Monaten nichts Besseres zu tun gehabt, als durch die Bündner Gemeinden zu laufen und mehrere tausend Unterschriften für das Anliegen zu sammeln. Ohne irgendwelche Ahnung. Selbsternannten Heilern das Praktizieren erlauben? Zu guter Letzt hatten die Lümmel tatsächlich die Frechheit gehabt, selbst ihn um eine Unterschrift zu bitten. Er, Doktor Benedikt Pradin, sollte Quacksalbern seinen Segen erteilen? Und damit im Falle einer Annahme ihrem Lieblings-Kurpfuscher, dem Kräuterpfarrer Künzle, den roten Teppich ausrollen? Künzle selber, der hielt sich bequem zurück und liess seine Anhänger die politische Arbeit machen. Drehte seinen Kunden währenddessen seine schmutzigen dürren Kräuter und eingelegten Wurzelstücke an und verdiente sich eine goldene Nase.

Der Zug drosselte das Tempo und fuhr in den Bahnhof ein. Die Lokomotive fauchte hitzig, zischte und prustete, als ob sie sich gerade die Schienen erobert hätte. Benedikt würde seinen Kollegen ein paar Müsterchen servieren. Sie konnten sich keine Vorstellung über das Ausmass von Künzles Anfeindungen machen, etwa, dass er Ärzte als «stinkende Professoren» oder «Doktor Giftli» beschimpfte. Die Abstimmung des kantonalen Ärzteverbandes über eine Eingabe an den Grossen Rat dürfte dann nur noch eine Pro-Forma-Sache sein. Der Grosse Rat würde daraufhin die Heilkräuter-Initiative offiziell zur Ablehnung empfehlen, sie würde beim Stimmvolk keine Chance mehr haben. Da war sich Benedikt sicher.

Die Lokomotive beruhigte sich. Der Rauch schwappte über den Rand des Schornsteins, verteilte sich im Umkreis von zwanzig Metern. Er nebelte die Köpfe ein, die Kleider und Schuhe, die Foulards und die Koffer. Nur ein kleines Mädchen, es guckte einem schaukelnden Schmetterling nach, erblickte noch ein Stück vom blauen Himmel. Die Menschen wurden zu schemenhaften Konturen. Sie bewegten sich auf die Waggons zu. Benedikt erreichte den Bahnhof. Er tauchte in die rauchige Suppe, presste seine Ärztetasche fester an sich und steuerte die erste Klasse an.

Heute. Sein Tag. Nach der Sitzung ein Bier, Abendessen mit Lina. Von Linas Bemerkungen würde er sich die Laune nicht verderben lassen. Bestimmt wird sie sein Engagement kritisieren, dem Thema keinen Raum geben wollen.

Vor der ersten Klasse bildeten die Wartenden eine kleine Gasse. Wie praktisch. Für Benedikt, der sich schnurstracks einen Sitzplatz ergattern wollte. Für die Leute, die rechtzeitig bemerkt hatten, dass sie sich hier nicht auf den Füssen herumstehen sollten, wo ein Tritt in einen liegengebliebenen Kuhfladen im Rahmen der Möglichkeit lag. Zumindest bei unvorsichtigem Verhalten. Kuhfladen trocknen recht schnell an. Selbst bei windstiller Witterung. Bereits nach vierundzwanzig Stunden bildet sich eine krustenartige äussere Schicht. Wirklich trocken ist einer aber erst nach vielen Tagen. Exakt vor dem Zustieg zur ersten Klasse lag er, der Kuhfladen. Er war nur leicht angetrocknet, die glatte Konsistenz hätte ein Pferd zu Fall bringen können.

 

Benedikt Pradin lag benommen am Boden. Der Fall war schmerzhaft. Den wuchtigen Schlag hatte sein Steissbein einstecken müssen. Sein rechter Arm fühlte sich dumpf an. Er hörte sein Herz hämmern. Ihm dämmerte, was der Grund für seine missliche Lage war. Er war auf einem Kuhfladen ausgerutscht. Auf Kuhscheisse. Seine Hose wurde nass. Die Feuchtigkeit drang durch das Gewebe. Das war nicht Wasser, das war schmieriges Braun, nach Mist und Gülleloch stinkendes Braun auf seinem schwarzen, feinsten Drillich.

«Gottverdammtnochmal!», fluchte er.

Jetzt fiel ihm auf, dass um ihn die Menschen verstummt waren. Sie standen da und gafften. Das Mädchen riss die Augen auf, öffnete wortlos den Mund, hob die Hand und zeigte. Auf ihn?

Das Mädchen interessierte sich nicht für Benedikt. Die Menschen hier am Bahnhof mussten nach Chur. Sie beabsichtigten nicht, in die weite Welt zu verreisen. Sie mussten nach Chur auf Spitalbesuch, zur Arbeit, ins Warenhaus. Mit der weiten Welt hatten sie nicht gerechnet. Und jetzt stand sie plötzlich leibhaftig vor ihnen. Ein Prinz trat aus der ersten Klasse. Aus Arabien oder Rhodesien oder aus dem Dschungel Brasiliens. Aus einem dieser Länder, die erst zu existieren beginnen, wenn man einen rotierenden Globus mit einem Fingerzeig abrupt zum Stillstand bringt und der Finger auf einem der Länder sitzen bleibt, und man realisiert, all die Länder gibt es wirklich. Seine Augen waren schwarz wie Kohle. Ein geschwungener roter Turban schmückte sein Haupt, eine Kordel aus goldenen Fäden pendelte vor seinem rechten Ohr hin und her. Seine Kleidung war schneeweiss und glänzte matt. Der Rock reichte ihm bis zu den Knien. Seine Brust drapierten eine bestickte Schärpe und eine Kette mit farbigen Edelsteinen. Die Haut des Prinzen war satt dunkel wie die Tasse Schokolade am Morgen.

Er stieg die zwei Tritte herunter. Seine Stoffschuhe berührten die Erde. Begleitet wurde er von einem Mann im Frack mit einer ähnlichen Schärpe, die einen festen Leib umschloss. Sein Gesichtsausdruck war streng. Der Mann stellte sich neben den Prinzen und verneigte sich. Vor wem, war nicht klar. Vor der Wand, die die Leute bildeten? Sie standen eng beieinander.

Benedikt rappelte sich auf. Ein schmerzhaftes Ziehen im unteren Bereich der Wirbelsäule hinderte ihn daran, gerade zu stehen. Der Mann räusperte sich, und die Leute erwachten aus ihrer Starre. Die Menge flüsterte, wer ist denn das, haben die sich verirrt, woher die wohl kommen?

Das kleine Mädchen rief: «Mutti, das sind aber lustige Männer!»

Der Mann im Frack verneigte sich ein zweites Mal. Vor Benedikt, der nun vor diesem stand. Benedikts rechte Hand war verschmiert. Er verzichtete darauf, seinen Hut zum Gruss zu lüften. Er hätte sich blamiert. Er nickte ihm höflich zu.

Der Mann sagte: «Hello, nice to meet you. Are you from Zizers?»

Selbst wenn Benedikt Englisch gekonnt hätte, hätte er die Frage nicht verstanden, der Mann sprach sehr schnell.

«Guten Tag, der gnädige Herr, Sie kennen Zizers?», wiederholte der Fremde gewandt.

Das verdutzte Benedikt.

«Kann ich Ihnen behilflich sein?», antwortete er dann.

Der Mann sprach mit dem Prinzen. Die Laute, die da auf dem Perron am Bahnhof Zizers zu vernehmen waren, hörten sich wie gurrende Tauben oder rollende Marmeln an. Die Laute des Prinzen klangen gleich wie die vom Mann im Frack. Nur dass der Prinz viel länger sprach.

Der Mann wandte sich wieder an Benedikt: «Ich darf Ihnen vorstellen, mein Herr», er machte eine ausladende Bewegung in Richtung des Prinzen – «Tukojirao Holkar der Dritte, Maharadscha von Indore!»

Der Maharadscha lächelte geübt. Die Menschen raunten und tuschelten verlegen. Benedikt griff sich an den Hemdkragen, straffte die Schultern und schenkte dem Maharadscha von Indore ebenfalls ein Lächeln.

Der Mann im Frack sagte: «Tukojirao Holkar ist weit gereist. Seine Hoheit ist an Kur und Heilung interessiert. Kräuterpriester Künzle aus Zizers soll ihm helfen. Sie kennen Künzle?»

Benedikt Pradin schluckte leer.

«Kräuterpfarrer Künzle wohnt an der Strasse nach Igis», mischte sich der Bahnhofsgehilfe ein und zeigte die Richtung an.

Bevor Benedikt etwas sagen konnte, empfahl sich der Jüngling, die Herrschaften ins Dorf zu begleiten. Der Mann im Frack verneigte sich vor Benedikt, bedankte sich für die Freundlichkeit und wünschte ihm einen schönen Tag. Dann verneigte er sich vor dem Gehilfen. Die Leute wichen zurück, der Mann im Frack und der Maharadscha folgten dem Jüngling zum Bahnhofsgebäude. Vor dem Eingang warteten sie, bis der Bahnhofvorstand mit dem Bahnhofsgehilfen und einem weiteren dunkelhäutigen Mann in weissem Gewand grosse Ledertaschen aus dem Waggon geholt hatten. Das Gepäck wurde auf einen Handkarren geladen, der Jüngling führte sie über den Platz. Die herumliegenden Kuhfladen spien wie kleine Vulkane Fliegen in die Luft, wenn sich ihnen jemand näherte.

Erst jetzt stiegen die Leute in den Zug. Benedikt säuberte sich zuerst die Hand, den Arm und, so gut es ging, den Hosenboden, dann stieg er als Letzter ein. Er legte ein Zeitungsblatt auf einen Sitz und liess sich stöhnend fallen. Er blickte aus dem Fenster, schaute zu, wie der Maharadscha vom Personal der Rhätischen Bahn ins Dorf eskortiert wurde. Ihm war schlecht.